–> Ist Kinder- und Frauenarmut eine Industrie geworden?

 Manchmal frage ich mich, warum sehen wir eigentlich so viele Hilfsorganisationen um uns herum? Liefern wirklich alle, die Spenden sammeln, die gesamten Spenden an hilfsbedürftige Menschen? Anfang 2008 haben wir viel über die Verschwendung von Spendengeldern durch die UNICEF Deutschland gehört und gelesen (z.B. auf der Website von helpmedia und im meinungs-blog.de). Etwa, dass “die UNICEF allein 18% der 100 Millionen deutscher Spendengelder in Verwaltungs-, Presse-, Werbe- und Grußkartenkosten steckt”. Der UNICEF Budget betrug  allein im Jahr 2007  mehr als US$ 3.013 Billionen . Kommen die Gelder wirklich bei den Kindern in Afrika und anderen Teilen der Welt an? Die Website givewell bewertet Hilfsorgani­sationen, listet Hilfsorganisationen, die wir in unserer Umgebung kaum kennen, jedoch nur unter „ferner liefen“.
Ich persönlich bewundere die Mitglieder der Hilfsorganisationen, die sich selber vor Ort mit den Problemen der armen Menschen beschäftigen, etwa in Kriegsgebieten oder in einem Dorf irgendwo in Afrika, wo es nach 12 bis 18 Stunden Arbeit für die Gesundheit der Kinder nicht einmal reines Wasser zu trinken gibt oder kein Dach über dem Kopf. Sie verdienen wirklich im wahrsten Sinne der Hilfe für Menschen unsere Bewunderung, wie z.B. Frau Lotti Latrous (http://www.lottilatrous.ch), nicht aber diejenigen, für die, die Armut, besonders von Frauen und Kindern  Propaganda­zweck sind, um Aktienkörbe abzusetzen, Kreditnehmer zu findenn und damit ihren Profit zu vergrößern.
Ich wusste nicht, dass die Kleidung, die wir an diverse Hilfsorganisationen spenden, die lokale Kleidungsindustrie in Afrika vernichtet. Sie ist eine Konkurrenz zur chinesischen Billigware geworden, die ebenfalls Arbeitsplätze in ärmeren Ländern vernichtet, da die lokale Produktion mit deren Preisen nicht mithalten kann. In Deutschland werden jährlich ca. 600.000 Tonnen Altkleidung gesammelt, wieviel Tonnen davon bekommen hilfsbedürftige Menschen in Afrika gratis? Nichts, so weit ich informiert bin.
In diesem Zusammenhang berichtet auch www.radio.de: „Tatsächlich ist der Markt für Gebrauchtkleider eher eine kommerzielle Angelegenheit als eine mildtätige.“
Vor ein paar Monaten habe ich in einer deutschen Fernsehsendung gesehen, wie in Afrika mit gebrauchter, gespendeter Kleidung Geschäfte gemacht werden. Ein Journalist verfolgte ein Mädchenkleid von der Spende bis hin zu dem Mädchen, das dieses gespendete (also eigentlich kostenlose) Kleid für ca. 4 Euro kaufte, was für sie in Afrika eine Menge Geld war. Der Journalist hat seinen Video-Bericht dann der Spenderin in Deutschland gezeigt und sie gefragt, ob sie weiter spenden würde, worauf sie mit „Nein“ antwortete, da sie die Kleidung nicht für Zwischenhändler sondern für Bedürftige gespendet hatte, die nicht gezwungen sein sollten, dafür zu zahlen.
In der „Net World Encyclopedia“ ist zu lesen, dass es im Jahr 2005 mehr als 200.000 Hilfsorganisationen alleine in Großbritannien gab; wie viele es in Europa, USA oder anderswo waren, konnte ich nicht feststellen. Auf alle Fälle ist die Armutsbekämpfung ein großer Industriezweig neben der Tourismus-Industrie geworden. Es gibt dort gut zu verdienen, nur muss man wissen, wie man die Herzen der Menschen anspricht, der Rest geht automatisch.
Dass die Armen für Banken und Großinvestoren ein Thema geworden sind, ist nach der Nobelpreisverleihung an Muhammad Yunus (zur Erinnerung: er vergab sog. „Mikrokredite“ an Arme in Bangladesh, die damit eine bescheidene, aber sichere Existenz aufbauen konnten) sehr aktuell geworden. Diesbezüglich hat „Der Spiegel“ in der Nummer 31 vom 11.08.2008 unter „Die Grenzen des Anstands“ einen sehr interessanten Artikel über Mikrokreditgeber veröffentlicht. Der Autor schreibt dazu, dass diese Mikrokredite von Menschenrechtlern erfunden wurden, nun aber steigen Großbanken und Pensionsfunds mit höheren Zinsen ins Geschäft ein und die bringen natürlich hohe Rendite. Ist das jetzt Hilfe oder Ausbeutung?
 In dem Artikel wird Muhammad Yunus, ein guter Redner und Besitzer der Grameen-Bank, mit einem anderen Mikrokreditgeber und Armutsbekämpfer, Shafiqual Haque Choudhury, Besitzer der Asa Bank, formal aber NGO, verglichen. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass Choudhury kein Problem daran sieht, sich mit den Mikrokrediten an Arme auch selbst zu bereichern, Mohammad Yunus dagegen sagt nein dazu. Ein anderer Unterschied zwischen einem Kredit von Yunus und einem von Choudhury ist, dass Yunus eine Gruppe von Frauen bildet und zwar jeder einen kleinen Kredit gibt, die Garantie für die Rückzahlung jedoch die ganze Gruppe übernimmt und er dabei auch eine höhere Rückzahlungsrate erreicht, Choudhury dagegen findet es nicht richtig, dass andere Frauen die Rückzahlung übernehmen, wenn eine Frau nicht zahlen kann; er meint, warum soll er gute Schuldner bestrafen, wenn schlechte mit ihren Zahlungen im Rückstand sind? Beide geben die Kredite nur an die Frauen und setzen Männer zum Eintreiben von Raten ein. Weiter schreibt der Spiegel: „… zurzeit haben gut 7,5 Millionen Frauen einen Kleinkredit bei der Grameen-Bank in Bangladesch aufgenommen, es ist ein erstaunlicher Erfolg, aber nicht alle Frauen sind ihrer neuen Macht und den neuen Möglichkeiten gewachsen, (…) andere haben sich eine kranke oder alte Kuh andrehen lassen, wieder andere mussten zusehen, wie der Mann das Geld versoff. Etwa jede zweite Kreditnehmerin soll bislang mit Hilfe dieses Geldes ihre Familie aus der Armut geführt haben. (…) Choudhury ist im selben Geschäft wie Yunus, aber er führt es nicht wie ein Missionar, der die Schwächen der Menschen kennt, sondern wie ein Feldwebel. Er rühmt sich, die effektivste Mikrokreditorganisation der Welt zu führen. Das Wirtschaftsmagazin ,Forbes’ gibt ihm recht; in einer Vergleichsstudie des vergangenen Jahres landete Asa unter mehr als 600 Mikrokreditorganisationen auf Platz 1. Die Grameen-Bank bleibt auf Rang 17 stecken. (…) zu den Investoren von Chodhury gehören unter anderem die Credit Suisse, Morgan Stanley, Axa, die Blackstone- und die Carlyle Group.“
Wen Yunus nicht leiden kann, ist die mexikanische Mikrokreditbank „Compartamos“, für ihn der Inbegriff moderner Ausbeutung, versteckt hinter einer humanitären Fassade.
Der Spiegel schreibt weiter, die Compartamos (auf deutsch „Lasst uns teilen“) wurde 1990 als Mikrokreditbank gegründet und finanzierte sich durch Spenden. 2006 wandelte sie sich in eine Bank um, am 20.April 2007 ging sie an die Börse, wobei die Aktien 13-fach überzeichnet waren, und heute ist sie die profitabelste Bank in Mexiko, der Liebling der Investoren, da ihre Rendite bei 55% liegt. Rund 850.000 Frauen zahlen ihre Kredite bei Compartamos ab.
Zum Schluss zitiert der Spiegel Yunus: „Muhamad Yunus ist über diese Entwicklung alles andere als glücklich. Er befürchtet, dass die Mikrokreditbranche sich künftig mehr um die Renditen der Investoren kümmern wird als um die Bekämpfung der Armut. ‚Unser Ziel war es, die Wucherer zu verdrängen, nun kommen sie zurück, verkleidet als Wohltäter´“.
Ja, wie ich oben geschrieben habe, die Armut und die Armen sind ein neuer Industriezweig geworden, aus dem man wie aus einer bisher ungenutzten Quelle sehr viel heraus holen kann; einer Quelle mit mehr als einer Milliarde Menschen in fast jedem Land der Welt. Ich bin neugierig, wann der Mikrokredit in unserem Umfeld in Europa und Amerika Fuß fassen will. Ob man aber in Europa für Mikrokredite 11%  bzw. 14% Zinsen (wie der Spiegel schreibt) zahlen wird, wie die Klienten von Mohammad Yunus und Shafiqual Haque Choudhury, ist zu bezweifeln.
 Dabei will ich allen Spendern nicht ihre Mildtätigkeit und ihren guten Willen rauben, sonst fängt die Hilfe für Bedürftige womöglich an, zu versiegen, ich möchte nur die Notwendigkeit einer Kontrolle aufzeigen, damit ein möglichst großer Teil der Spendengelder auch wirklich dorthin gelangt, wo er Not tut, nämlich in die Hände von Armen und Bedürftigen und nicht in die von Finanzmagnaten. Eine solche Kontrolle, oder auch nur das Bemühen darum, kann für die Betroffenen den gleichen Stellenwert wie eine Geldspende haben. 

Leave a Reply

Leave a comment or send a note
  1. (required)
  2. (required)
  3. Send
 

cforms contact form by delicious:days